Markus Pritzi

Es gilt den magischen Moment einzufangen

Markus Pritzi

Die glamouröse Modewelt, der Tummelplatz der Schönen, der Umschlagplatz heiß begehrter Konsumartikel, das ist das tägliche Aktionsfeld des 1977 in Südtirol geborenen, in München lebenden Fotografen Markus Pritzi. Schon früh, bereits nach Abschluss der Mittelschule, beginnt er mit seiner Ausbildung. Nach der Lehrzeit und dem Besuch der Landesberufsschule für Optiker und Fotografen in Hall in Tirol/Österreich, legt er mit 18 Jahren seine Gesellenprüfung ab, arbeitet als Assistent bei verschiedenen Fotografen, bis er sich 2004 selbständig macht. Seine Auftraggeber findet er in großen Modeunternehmen wie Rena Lange und Etienne Aigner.

Mode und insbesondere die Modefotografie als eigenständig anerkannte Kunstgattungen sind längst im musealen Umfeld und auf dem Kunstmarkt angekommen. Designer, Models und Fotografen haben inzwischen Kunst- und Kultstatus. Große Schauen international renommierter Institutionen widmen sich ihrem Leben und Wirken, was von einem interessierten Publikum dankbar aufgenommen wird - Armani, Yves Saint Laurent, Vivienne Westwood, Richard Avedon, Irving Penn, Helmut Newton - ein Hauch von Glamour für alle!

Die immer größer werdende Fülle an Mode- und Lifestyle Magazinen bietet Fotografen eine Plattform unzähliger Präsentationsformen - alles ist möglich! Gleichzeitig wird die Jagd nach dem Neuen, einer bisher nie da gewesenen Idee, schwieriger.

Markus Pritzi versucht sich hiervon frei und sich diesen Aspekt viel eher zu nutze zu machen. Aktuelle Strömungen und die Arbeit der angesagten Starfotografen sieht er als notwendige Inspiration. Kreative Impulse schöpft er aber auch aus der Geschichte der Modefotografie und dem Werk der Altmeister.

Die Modefotografie übt aus verschiedenen Gründen eine Inspiration auf Markus Pritzi aus. Die Inszenierung von Produkt und Model stellt eine besondere Herausforderung dar. Die Werbebotschaft soll nicht plakativ in den Vordergrund gestellt, sondern subtil in Szene gesetzt werden. Dazu benötigt er keine aufwändig gestalteten Kulissen und Staffagen, vielmehr beschränkt er sich auf eine pure Ästhetik, die sich auf das Wesentliche beschränkt. Mit kleinen, kaum merklichen Brüchen verführt er den Betrachter zu einem zweiten Blick, zum genauen Hinsehen. Eine ungewöhnliche Pose, eine unerwartete Bewegung oder die außergewöhnliche Drapierung eines Kleidungsstückes genügen häufig schon als Blickfang.

In seinem Gegenüber, den Modellen und Portraitierten, die das Szenario mit gewissen Unwägbarkeiten beeinflussen, sieht Pritzi für sich eine weitere Stärke des Genres. Emotionen, Launen und Tagesform des Einzelnen spielen immer eine Rolle, wie er sagt. Häufig kann man morgens noch gar nicht abschätzen mit welchem Bild man am Abend nach Hause kommt. Bildideen werden häufig situationsbedingt verändert und angereichert. Es gilt den magischen Moment einzufangen, genau zum richtigen Zeitpunkt abzudrücken. Überraschungsmomente, das ist was Markus Pritzi interessiert, ein Baum oder ein Haus fasziniert ihn aus fotografischer Sicht bei Weitem nicht so, wie die Zusammenarbeit mit Menschen.

Neben den kommerziellen Auftragsarbeiten entstehen in den letzten Jahren auch häufiger eigenständige, künstlerische Projekte. Hier hat Markus Pritzi die Möglichkeit ohne Vorgaben zu arbeiten und muss nicht den Vorstellungen von Kreativdirektoren sondern nur den eigenen gerecht werden. Für den jungen Fotografen ergibt sich so ein Experimentierfeld, wo technische Voraussetzungen an eine Leistungsgrenze gebracht und Hilfsmittel aller Art hinzugezogen werden können. Die digitalen Aufnahmen werden in der Regel keiner modernen Post-Production unterzogen. Alle Effekte entstehen beim Shooting und nicht am Computer. Die Hauptthemen sind Verfremdung, Entmaterialisierung und Auflösung - immer in Bezugnahme auf die menschliche Gestalt.

Die Galerie Stefan Vogt widmet diesen eigenständigen Arbeiten nun eine Ausstellung - die erste. Esad Cicic, der die Galerie bei der Auswahl von Fotokünstlern berät und unterstützt, konnte die Zusammenarbeit anregen. Cicic, selbst Fotograf, kennt die kommerzielle Arbeit von Markus Pritzi seit langem. Er verfolgt dessen Werdegang, fördert ihn und motiviert ihn zu selbständigen Projekten.

Betrachtet man die ausgestellten Fotografien unter Berücksichtigung des Leitmotivs der Verfremdung, werden unterschiedliche Themenblöcke erkennbar, die sich durch die Verwendung verschiedener Stilmittel ergeben: Bewegung, Schärfe/ Unschärfe, Licht, Reflexion, Inszenierung

Bewegung

Dieser Themenkomplex steht in direktem Bezug zu den Auftragsarbeiten Markus Pritzis. Im weiteren Sinne handelt es sich um klassische Modeaufnahmen.

Mode- und Portraitfotografen sind auf vielseitige Bewegungen und eine abwechslungsreiche Mimik der Modelle angewiesen. Nur durch das so genannte Posing kommen sie zu der benötigten Motivvielfalt. Die Einflussnahme des Fotografen bleibt dabei allerdings auf Vorgaben eingeschränkt und das Ergebnis ist damit kaum kalkulierbar. Die Möglichkeit zur Verfremdung ist relativ gering. Ein Sprung zum Beispiel beeinflußt die Gesichtszüge, die Haare fliegen, Kleidung und Accessoires werden durch die Pose des Models verändert.

 

Schärfe/ Unschärfe

Die Serie der ausgestellten Portraits wird durch diffuses, zum Teil farbiges Licht gekennzeichnet. Die individuellen Konturen der Gesichter verschwimmen und verlieren sich fast vollständig im undefinierbaren Raum. Es entsteht ein Zustand der Auflösung. Was wie eine Nachbearbeitung am Computer wirkt, beruht auf einen weichzeichnenden Effekt den Pritzi durch die Zuhilfenahme von Butterbrotpapier und farbigen Folien erzielt und damit einen fast malerischen Gestus erzeugt.

 

Licht

Mit einem Videobeamer projiziert der Fotograf Lichteffekte und farbige Impulse auf menschliche Körper. Die Veränderung der Farbsequenzen in Verbindung mit Langzeitbelichtungen und der Bewegung der Portraitierten bewirk, ähnlich wie bei den Portraits, ein Verschwimmen der Konturen. Die Dargestellten werden zu schemenhaften Gestalten. Pritzi arbeitet hier mit dem Phänomen des kalkulierten Zufalls. Er hat eine Vorstellung, eine Bildidee, das Ergebnis wird aber immer zufällig bleiben.

 

Reflexion

Auf einer Gebäudefassade sind die überdimensionierten Züge einer jungen Frau erkennbar. Die Schwarzweissaufnahme wirkt auf den ersten Blick wie eine Doppelbelichtung. Pritzi erzielt diesen Effekt jedoch durch einen manipulativen Eingriff - der Spiegelung in einer Glasscheibe. Es kommt zu einer Überlagerung verschiedener Bildebenen, was gängige Proportionsschemata auflöst und für Irritationen beim Betrachter sorgt.

 

Inszenierung

Missverständlich kann der Begriff der Inszenierung verstanden werden, denn, letztendlich setzt der Fotograf ja immer in Szene. In diesem Zusammenhang ist jedoch damit das Abzielen auf einen bestimmten Moment, zum Beispiel das Platzten einer Milchtüte über dem Kopf einer Frau, bzw. einen besonderen Effekt, wie der Schattenwurf einer Fechtmaske gemeint.

Mit diesen Arbeiten spielt Pritzi auf Klassiker der Fotogeschichte an – die verspritzte Milch wird man wohl immer mit Jeff Walls berühmter Bildikone "Milk" aus dem Jahr 1984 in Verbindung bringen. Das Spiel mit Licht und Schatten, das Interesse an Strukturen erinnert an die experimentelle Fotografie der 20er und 30er Jahre, zum Beispiel von Edmund Kesting.

Durch die unterschiedliche Herangehensweise an eine immer ähnliche Themenstellung, ergibt sich eine abwechslungsreiche und aufregende Bildwelt. Es bleibt zu wünschen, dass Markus Pritzi seine viel versprechende Karriere als Modefotograf weiter international ausbauen kann und zu hoffen, dass daneben noch Zeit für die eigene, experimentelle Fotografie bleibt.

Mehr über Markus Pritzi erfahren Sie unter pritzi.com

(Text: Simone Haas)